Der Wind hat zugenommen, und die Gezeiten sind am Wechseln. Die zurückgehenden Wassermassen, die von der Ebbe in den Inglefield Fjord hinausgespült werden, hinterlassen autogroße Eisbrocken am Strand. Schwarze Wolken verdunkeln den Himmel im Westen. Seit wir unseren Zeltplatz verlassen haben, sind wir 35 km entlang einer der schönsten und wildesten Küstenlinien gepaddelt, die ich je gesehen habe. Nun sind wir ganz nahe dem Ort Qaanaaq und paddeln mit den Gezeiten um die Wette, um das Land zu erreichen, bevor uns die Ebbe inmitten der Eisberge auf dem Trockenen zurückläßt.

Um uns herum ist alles in Aufruhr. Der tobende Westwind wühlt das seichte Wasser zu Brechern auf. Dunkle, eisige Wassermassen branden um bloßgelegte Felsen, die wir mit unseren 5-Meter langen Zweierkajaks umschiffen. Treibende Eisbrocken tanzen wie Korken auf der aufgewühlten Wasseroberfläche und knirschen beim Zusammenstoßen wie Eisstücke in einem Hexengebräu.

„Folgt mir!" schreit Steve, unser Kajakführer, durch den Tumult. Wie von einer riesigen, unsichtbaren Hand geführt sucht sich sein Kajak einen Weg durch die wilde Wasserwüste. Jake, der andere Kajakführer, und ich paddeln wie verrückt, um mit den anderen Booten mitzuhalten. Innerhalb weniger Sekunden, treiben uns Wind und Wellen in den Hafen von Qaanaaq. Jake springt aus seinem Sitz im Heck, ergreift die Bugleine, und zieht unser Boot durchs seichte Wasser. Wir erreichen den Strand in letzter Minute, denn gleich danach ist ein weites Strandstück vor dem Ort trockengelegt. Unsere Kajakexpedition im Inglefield Fjord, in Nordwestgrönland, ist zu Ende. Es ist der 2. September, 20 Uhr. Kurze Zeit später sitzen wir warm und trocken im gemütlichen Speiseraum des Hotel Qaanaaq und blicken hinaus auf den sturmumtosten Fjord, wo majestätische Eisberge wie riesige Kreuzfahrtschiffe vorbeisegeln, und wo sich die Berge am gegenüberliegenden Ufer gegen das massive Gewicht des Inlandeises stemmen.

Ich war Teilnehmerin an der „Thule Explorer", einer zweiwöchigen Kajakexpedition, die von Whitney & Smith Expeditions organisiert wird. Jane Whitney und Steve Smith, Biologen und erfahrene Arktisforscher, gehören zu einer kleinen Gruppe von Leuten, die geführte Kajakexpeditionen in der Nordwestecke Grönlands durchführen, in einer Region, die Thule oder Avanersuaq genannt wird — „die Gegend im entlegendsten Norden."

Nur 800 km vom Nordpol entfernt, ist Avanersuaq die nördlichste bewohnte Region der Erde, wo die letzten traditionsbewußten Inuit leben. Sie selber nenen sich Inughuit, das "Große Volk".

Im Gegensatz zu ihren kanadischen Nachbarn haben die Inughuit ihre altbewährte Jagdweise beibehalten. So jagen sie Meeressäugetieren, wie z. B. dem Narwal, im Kajak, mit Harpune und aufgeblasenem Robbenfellschwimmer, nach. Dafür gibt es zwei Gründe: erstens, Traditionserhaltung, und zweitens, verantwortungsbewußte Aufrechterhaltung der Wildbestände. Alle arktischen Meeressäugetiere, mit Ausnahme des Grönlandwals, sinken nämlich sofort nach der Tötung. Für Gewehrschützen bedeutet das hohe Verluste von Jagdwild. Dagegen kann ein Tier, das durch einen Schwimmer mit der Harpune verbunden ist, ohne Verlustrisiko erschossen werden.

Durch ihre unwahrscheinliche Abgeschiedenheit waren die Inughuit bis zum Jahr 1818 der Außenwelt so gut wie unbekannt, bis der englische Entdecker Sir John Ross, auf der Suche nach der Nordwestpassage, auf ein kleines Häufchen von ihnen stieß. Diese Zusammenkunft geschah auf der Cape York Halbinsel, an der Nordostküste der Baffin Bucht. Als im Jahr 1891 Leutnant Robert E. Peary in Avanersuaq auftauchte, wußte man immer noch nicht viel über das Leben der Inughuit. In den darauffolgenden 18 Jahren waren Peary und sein schwarzer Ordonanzoffizier, Matthew Henson, auf ihren arktischen Entdeckungsreisen auf die Hilfe der Inughuit angewiesen. Nach der Abreise von Peary (nach seiner, heute umstrittenen, Eroberung des Nordpols im Jahr 1909), erlahmte das Interesse der Außenwelt an dieser Region. Obwohl Grönland seit 1721 dänische Kolonie war, konzentrierten sich die Dänen mit ihren Kolonisierungsbemühungen auf den Süden der Insel. Erst als die dänischen Entdecker Knud Rasmussen und Peter Freuchen 1910 einen Handelsposten in Avanersuaq errichteten, zeigte Dänemark Interesse an der Gegend, was zur nachfolgenden Annektierung im Jahr 1921 führte.

Heute leben ungefähr 850 Menschen in Avanersuaq. Die meisten von ihnen fristen nach wie vor ihr genügsames Dasein als Jäger entlang jener Gegend der Baffin Bucht, die den frühen Seefahrern als das "Nordwasser" bekannt war. Dies ist eine ganzjährig eisfreie Oase (Polynya) im sonst zugefrorenen Polarmeer. Das Aufsteigen von Nährstoffen in dieser Polynya ermöglicht einen Reichtum an Meereslebewesen, der den Lebensunterhalt der Inughuit sichert.

Während unserer Kajakexpedition sahen wir häufig Anzeichen von den Jagdaktivitäten der Inughuit: schnittige, selbstgefertigte Kajaks, mit Harpune, Robbenfellschwimmer und Speer ausgestattet; Jäger, die auf Aussichtspunkten stehend mit Ferngläsern das Meer absuchten; Jagdhütten an strategischen Punkten entlang der Küste; und in den Dörfern Vorgärten, die mit Knochen und Walspeck übersät waren – Beweise erfolgreicher Jagdzüge.

Die Anreise nach Qaanaaq (ca. 500 Einwohner), das Verwaltungszentrum der Avanersuaq Region, ist an sich schon ein Abenteuer. Von Calgary, Alberta, flog ich über Edmonton nach Yellowknife, dann weiter nach Resolute, Northwest Territories, wo sich der nördlichste mit Linienflugmaschine erreichbare Flughafen in Canada befindet. Von dort flog unsere achtköpfige Gruppe drei Stunden lang mit einer Twin Otter Chartermaschine quer über die nördlichsten Inseln Kanadas nach Qaanaaq.

Der Ort liegt am Eingang des majestätischen Inglefield Fjords, der 100 km weit ins Landesinnere eindringt, und der sich an seinem Ende zu einem fast kreisrunden Becken ausweitet, wo gewaltige Sandstein- und Granitberge bis zum Meer reichen, umgeben von riesigen Gletschern, die ihren Ursprung im grönländischen Inlandeis haben. Bis zum Ende unserer zweiwöchigen Expedition paddelten wir in diesen Gewässern, die nur zwei Monate im Jahr eisfrei sind.greenlA335.gif (34040 bytes)

Das Dröhnen der Twin Otter Maschine erstirbt, als wir im goldenen Abendlicht die Landebahn von Qaanaaq betreten. Eine Gruppe von Leuten heißt uns willkommen, unter ihnen Hans Jensen, Eigner des einzigen Hotels. Neuschnee liegt auf der Erde, entfernt hört man das Heulen von Hunden, und vor uns breitet sich der tiefblaue Fjord, umsäumt von abgerundeten Bergen und der leuchtend weißen Fläche des Inlandeises. Ich komme mir vor wie auf einem anderen Planeten. Alle tragen Parkas, Mützen und Winterstiefel. Zwar haben wir erst den 24. August, aber vom gewöhnlichen Grönlandsommer mit spiegelglatter See und Temperaturen bis zu +15o C ist diesesmal nichts zu spüren. Avanersuaq befindet sich schon im Griff eines frühen Winters.

Am nächsten Morgen setzt uns ein Inughuit mit seinem verbeulten Fischerboot über zur anderen Seite des Fjords. Wir landen an einem kleinen Strand, auf dem eine winzige Holzhütte, von Narwaljägern errichtet, steht. Wir schlagen unsere Zelte auf, bauen die Klepper Faltboote zusammen, und erkunden unsere Umgebung. Neben der Hütte befindet sich ein umgedrehtes Dingi, und der Boden ist mit Knochen und dunkelbraunem, faulendem Walspeck bedeckt. Ein Stück weiter fließt ein Gletscher herunter, in Felsbrocken übergehend, bevor er das Meer erreicht. Der Wind wirbelt kleine Schneeflocken herum und wir zittern vor Kälte, trotz unserer einteiligen Survival Suits und den mit Filz gefütterten Gummistiefeln. Tim und Michael reden über Paddeln in Baja, Kalifornien.

Am Morgen ist das Meer ruhiger, aber der Himmel ist immer noch grau. Beim mehrstündigen Paddeln halten wir uns eng an die Küste. Dann wird eine Mittagspause eingelegt, und dann geht es weiter bis zum Abend. Die nächste Woche halten wir uns an diesen Rhythmus der Fortbewegung, je nach Gezeiten und Wetterlage. Aber bei 24 Stunden Tageslicht verliert Zeit an Bedeutung. Manchmal paddeln wir abends los und manchmal ist es schon fast Mitternacht, bis wir uns zum Abendessen hinsetzen.

Unser nächster Zeltplatz befindet sich über einem mit Narwalschädeln bedeckten Sandstrand. Während des Zeltaufschlagens blinzelt die Sonne durch die Wolken und legt ein Stück blauen Himmels frei. „Es klart auf!" ruft Tim. Für den Rest der Tour wird sein Ausruf zur täglichen Invokation werden.

Aber das Wetter kümmert sich nicht um unsere Anrufung. Am Morgen schlagen Wind und Schnee gegen die Zeltwände. Einen ganzen Tag dauert der Sturm, der die Eisberge zur Nordküste treibt und das Land mit einer Schneeschicht von mehreren Zentimetern bedeckt. Am Strand entlanggehend, kämpfen Jake und ich gegen den Sturm. Wir stolpern und müssen anhalten, sobald uns ein Windstoß packt. Die Gischt der Brecher mischt sich mit dem Schneetreiben, und vor unseren Füßen werden Eisblöcke von den Wellen zerschmettert. In einer angrenzenden Bucht hat der Sturm eine auf Kufen montierte Holzhütte umgeworfen.

Das Zelt von Steve wird zum Gesellschaftsraum. Wir sitzen im Schneidersitz, unsere Gesichter über den dampfenden Teetassen, und reden über die Taten der frühen Entdecker.

Am nächsten Tag hat der Wind nachgelassen. Steve schlägt vor aufzubrechen und Bekannte zu besuchen, die an einem Ort wohnen, der auf unserer dänischen Karte als Kangerdlugssuaq eingezeichnet ist. Hoch über einem kleinen Strand gelegen, bietet dieses Anwesen eine spektakuläre Aussicht auf den Inglefield Fjord: Auf der gegenüberliegenden Seite des Fjords erheben sich die düsteren Klippen der Nordküste; zu unserer Linken erstreckt sich die sanfte Südküste mit ihren abgerundeten Bergen und Bachmündungen; und zu unserer Rechten mündet eine andere Bucht in den Fjord. Jenseits dieser Bucht gehen die Berge in sechs Gletscher über, die ins Meer fließen.

Außer den angeketteten Hunden, die unsere Ankunft begrüßen, ist niemand zuhause. Drei Behausungen stehen auf dem schwammigen, grasigen, mit Knochen übersäten Grund. Trockengestelle aus Holz schützen Walspeck und Fleisch vor den Hunden. Bei näherer Betrachtung erkennen wir, daß hier drei Generationen von Inughuit Behausungen angesammelt sind: die älteste, ein eingestürztes traditionelles Winterhaus, aus aufgetürmten Felsbrocken, die um ein rundes Loch im Boden aufgetürmt wurden; dann ein um die Jahrhundertwende gebautes Grassodenhaus mit Cellophan als Fensterglas; und zum Schluß, ein neumodisches dänisches Fertighaus mit Giebeldach.

Hinter den Häusern stoßen wir auf eine Begräbnisstätte: große Steinhaufen, mit weißen Kreuzen markiert. Zwischen den Ritzen erblicken wir gebleichte Knochen und grünliche Schädel. Steve schätzt das Alter der Gräber auf Hunderte von Jahren. Die weißen Kreuze wurden nach der Bekehrung zum Christentum in diesem Jahrhundert errichtet. Während unserer Expedition stoßen wir häufig auf Gräber, meistens auf Anhöhen errichtet, mit Blick auf das Meer. Jedesmal spüren wir die Anwesenheit vergangener Völker. In diesem Land, wo die reine, trockene Luft den Verfall von Materie verhindert, und wo die Namen von Entdeckern wie Peary, Greely und Rasmussen in unseren Gesprächen auftauchen, als ob diese Männer erst gestern hiergewesen wären, kommt ein Gefühl von Zeitlosigkeit auf.

 

Eisberg

Zwar haben wir schon viele Eisberge gesehen, aber dieser hier ist anders. Am Ende des Fjords, nahe dem Dorf Qeqertat, stoßen wir auf ein leuchtend weißes Geschöpf mit einem geschuppten Rücken und gezackten Kanten, geformt durch langes Ausgesetztsein in der Sonne, dem Wind, und Seewasser. Hier ruht es in der spiegelglatten See, während das Wasser sanft gegen seine Flanken schlägt. Entlang der Wasserlinie glänzt das Eis Aquamarin, im Gegensatz zu den weißen, gleißenden Wänden darüber. Mit unseren Kajaks umrunden wir diesen Eisberg und staunen über seine geheimnisvolle Schönheit.

Später kommen wir in Qeqertat an. Das Dorf liegt auf einer Insel am Ende des Fjords, umringt von gewaltigen Gletschern, die ins Meer fließen. Die Bewohner kommen zum Strand herunter, um uns willkommen zu heißen. Wir machen die Boote fest und kraxeln die Felsen hoch ins Dorf: eine Ansammlung von leuchtend bunten dänischen Häusern. Es gibt ein Dock mit Fischerbooten und Dingies, Trockengestelle, hölzerne Vorratshütten und eine große Müllhalde mit Haufen von Walspeck, Knochen, sowie Wegwerfwindeln und anderem Abfall der Zivilisation. Der Boden ist grasbedeckt. Die üppige Vegetation (anhand der Nährstoffe des Mülls) ist eine willkommene Überraschung in der sonst kargen Umgebung.

Steve erklärt unsere Herkunft. Ein Mann mit einem grauen Stoppelbart führt uns zu den Bootsgestellen, auf dem sich mehrere Kajaks befinden. „Kajak!", rufen wir aus, das einzige Wort der Inughuit Sprache, das wir kennen. Stolz führt der Jäger sein Boot und seine Jagdwerkzeuge vor, indem er jedes Stück beim Namen nennt. Wir versuchen ihn nachzuahmen, was zu Gelächter in der Runde führt. Sein Kajak ist ein schnittiges, mit Segeltuch bespanntes Holzrippenboot. Harpune, Speer, Paddel und Robbenfellschwimmer sind oben festgemacht, sowie eine säuberlich aufgerollte Leine, deren Ende an der Harpunenspitze befestigt ist. Während der Jagd muß der Jäger so nah wie möglich an das Tier herankommen, um die Harpune werfen zu können. Nach dem Wurf bleibt die Harpunenspitze im Tier, welches die Leine mit dem Schwimmer hinter sich herzieht, während der Jäger den Harpunenschaft einzieht. Wenn das Tier erschöpft ist, wird es erschossen und mit einem Motorboot abgeschleppt. Einer der Männer spricht etwas Englisch, und wir erfahren, daß die Jagdsaison in diesem Sommer bis jetzt nicht sehr erfolgreich gewesen ist. Er vermutet, daß die Narwale von einer Schule von Schwertwalen, die in den Fjord eingedrungen ist, verjagt worden waren.

Obwohl das Kajak im Leben der Inughuit eine wichtige Rolle spielt, gab es eine Zeit, in der ihnen der Gebrauch von Kajaks und die Jagd auf Meeressäugetiere im offenen Wasser unbekannt war. Beobachtungen von Entdeckern im 19. Jahrhundert, wie z. B. John Ross und Elisha Kane, weisen darauf hin, daß die „arktischen Hochländer", wie die Inughuit damals genannt wurden, kein Holz hatten und somit keine Kajaks bauen konnten. In einem Land, in dem zehn Monate der Winter herrscht – „die Jahreszeit des Festeises" und der Sommer sehr kurz ist – „die Jahreszeit ohne Eis", ist es vorstellbar, daß das Kajak nur noch in der Erinnerung vorkam. Die Menschen lebten von der Robben- und Walroßjagd, indem sie die Tiere vom Packeisrand harpunierten, von der Vogeljagd mit Netzen, und möglicherweise vom Fuchsfang durch Fallenstellen.

Einem kanadischen Inuit namens Qitdlarssuaq und seiner kleinen Gruppe wird die Wiedereinführung des Kajaks und anderer Jagdwerkzeuge gegen Ende des 19. Jahrhunderts an die Bewohner der Avanersuaq Region zugeschrieben. Erst vor kurzem sind Teile der Geschichte seiner abenteuerlichen Reise über das Packeis zwischen Kanada und Grönland in Eskimolegenden und mündlichen Überlieferungen aufgedeckt worden. Aber diese Geschichte taucht mindestens zweimal in geschichtlichen Aufzeichnungen des Weißen Mannes auf (Fregattenkapitän Edward Inglefield, 1853, und Kapitän F. L. M’Clintock, 1858), was den Anstoß zu einigen Theorien gab. Eine davon behauptet, daß die Zuführung von neuem Blut und neuen Jagdmethoden das kleine grönländische Volk der Inughuit vor dem Aussterben gerettet hat. 1976 theoretisierte Rolf Gilberg, daß ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Inughuit direkte Nachkommen jener kanadischen Zuwanderer sind.

Am Morgen gibt es wieder Wind und Wolken. Um die Nordküste zu erreichen, müssen wir den Schutz der Küste hinter uns lassen und den Fjord überqueren, vorbei an Josephine Peary Land (eine Insel, nach der Frau Pearys benannt) und an den Zungen von vier Gletschern. Um die Mittagszeit hat sich der Südwestwind gemäßigt, und wir ziehen los. Schneegestöber verhüllen die felsige Küste. Eissturmvögel segeln über unseren Köpfen, und öfters steckt eine Robbe ihren Kopf aus dem Wasser und beäugt uns. Die Überquerung kommt mir unendlich vor. Meine Schultern und Arme schmerzen. Zur Ermutigung singe ich Lieder, „Farewell to Tarwathie", ein altes Walfängerlied, und „Northwest Passage" von Stan Rogers. Je näher wir den hohen Klippen kommen, desto kälter fühlt sich die Luft an. Nach einer kurzen Pause im Windschatten eines Eisberges paddeln wir weiter und landen endlich an einem kleinen steinigen Strand, der mit Eisblöcken bedeckt ist. Ein kleiner Bach quillt aus einer Erosionsrinne hervor und mündet in den Fjord. Am Eingang zu dieser Rinne schlagen wir unsere Zelte auf – eine kluge Entscheidung, denn schon wieder ist ein Sturm im Anzug.

Am nächsten Morgen fällt Schnee. Fast erkennen wir unseren Strand nicht mehr: er ist mit kleinen runden Eisbällen und einem Durcheinander von großen Eisblöcken bedeckt. Plötzlich ruft einer: „Narwale!". Und hier sind sie. Nacheinander schwimmen mehrere Schulen vorbei, dem Fjordende zu. Vergessen ist die Kälte. Eine halbe Stunde lang beobachten wir den Zug dieser geheimnisvollen Tiere. Im Fernglas sehe ich die glänzenden, grau und weiß gesprenkelten Körper, wie sie die Wellen wie auftauchende Unterseeboote spalten. Einmal kann ich deutlich den verbogenen Stoßzahn, der aus der Schnauze hervorsteht, sehen. Es scheint so, als ob sie einem inneren Ruf folgen. Wahrscheinlich haben sie arktischen Kabeljau, ihre Hauptnahrung, geortet. Ich hoffe, daß sie nicht auf die Harpunen der wartetenden Jäger von Qeqertat zuschwimmen.

 

Narwal

Seit dem Mittelalter ist der Narwal mit seinem elfenbeinernen Stoßzahn eine Quelle für Legenden und Mythen gewesen. Die Tatsache, daß er in einer unwirtlichen und schwer zugänglichen Umwelt lebt, hat zu diesem Geheimnis beigetragen. Als ein kleiner, bis zu 4,5 m langer Zahnwal ist er einer von drei heimischen arktischen Walen (bei den zwei anderen handelt es sich um den Grönlandwal und den Beluga). Das männliche Tier besitzt einen einzigen spiralförmigen, elfenbeinernen Stoßzahn, der eine Länge von 2 m erreicht. Im Europa des Mittelalters wurden die Stoßzähne als Hörner des mythologischen Einhorns gehandelt. Als Talisman waren sie hochgeschätzt, um Gefahren, Böses und Krankheiten abzuwehren. Aber in den Augen der Inughuit ist der Narwal schon immer ein Nahrungstier gewesen, das sie mit Fleisch und anderen Materialien versorgt, um ihre Existenz zu sichern. Sein Stoßzahn, einst als Handelsartikel und Baumaterial für Speere und Schlitten verwendet, wird nun hauptsächlich zur Herstellung von Schnitzereien oder Souvenirs benützt, oder als komplettes Stück an Museen und Sammler verkauft.

Einen Tag später zelten wir an einer weiten Bachmündung, umringt von Hügeln und einer Moräne, die zur gespaltenen Gletscherzunge des Hubbard Gletschers führt. Während wir unsere Ausrüstung den Strand hochschleppen, entdecken wir einen Narwalschädel mit schwarzem, verwesendem Fleisch. Der Stoßzahn fehlt. Nicht weit vom Meer entfernt stoßen wir auf eine kleine Jagdhütte. Der Innenraum ist primitiv: ein winziger Platz zum Kochen und Stehen, dahinter ein erhöhtes Matrazenlager, breit genug für vier Leute. Das Geräusch der Kocher und die Essensdüfte lassen den Raum bald gemütlich erscheinen. Später klettern fünf von uns auf die Moräne und folgen dem Grat entlang bis zum Gletscher. Fast werden wir vom Wind umgeblasen. In knietiefem Schnee steigen Jake und ich auf den Gletscher ab und bewegen uns vorsichtig aufs Eis; wir sind uns der Gefahr von Gletscherspalten bewußt. Auf dem Rückweg zur Hütte finden wir mehrere Narwalschädel (mit fehlenden Stoßzähnen), und ein umgedrehtes Kajak im Schnee. Vier aus unserer Gruppe entscheiden sich, in der Hütte zu schlafen, anstatt die Zelte aufzubauen. Während ich auf das Tosen des Windes lausche, fühle ich mich privilegiert, feste Wände um mich herum zu haben. Am Morgen herrscht Windstille, Schnee fällt, und die Sicht ist begrenzt. Bei Hochwasser lassen wir die Boote inmitten von Eisblöcken zu Wasser, als plötzlich ein Westwind angetobt kommt. Innerhalb weniger Minuten wächst er zum Sturm an, der das Meer in Raserei versetzt und Schnee über den Fjord fegt. Auf keinen Fall können wir nun paddeln. Eilig ziehen wir die Boote wieder aus dem Wasser und suchen Schutz in der Hütte. Während wir drinnen sitzen, heiße Schokolade trinken und Bücher aus Steve’s Polarbücherei lesen, horchen wir auf das Geheul des Sturmes und beobachten die Brecher durch die geöffnete Tür.

Sechs Stunden lang wütet der Sturm. Dann, am Abend, zeigt sich die Sonne. Beim Hinaustreten aus der Hütte verschlägt es mir den Atem: Was für eine Veränderung! Vor mir erstreckt sich eine strahlend weiße, stille Landschaft. Der Fjord ist mit Eisbergen in allen erdenklichen Größen und Formen betupft. Durch Schneewehen stapfend, klettern David und ich auf einen Hügel, östlich von der Hütte. Unsere Augen brennen von der kalten Brise, aber der strahlende Sonnenschein läßt uns die winterlichen Verhältnisse vergessen. In der Nähe des Grates überblicken vier weiße Kreuze den Fjord; zwei davon sind Kinderkreuze. Ich frage mich, was diesen Menschen wohl passiert ist. Sind sie ertrunken, verhungert, oder erfroren?

In diesem Land, wo der einzige Baum, die arktische Weide, nur eine Höhe von 5 cm erreicht, um dem bitteren Wind zu entgehen, kämpfen Tiere und Pflanzen ständig ums Überleben. Bevor die Inughuit Zugang zu modernen Werkzeugen und Komfort hatten, war ihre Existenz auch unsicher. Eine plötzliche Klimaänderung, menschliches Versagen, oder das unerwartete Verschwinden von Wild, konnte eine Katastrophe bedeuten. Heute haben moderne Annehmlichkeiten das Leben der Inughuit verändert, doch die Jäger in ihren traditionellen Kajaks setzen sich immer noch denselben Risiken aus wie in alten Zeiten.

Unser letzter Tag auf dem Meer. Trotz des grauen Himmels brechen wir auf – ermutigt durch einen Rückenwind. Wir passieren 1000 m hohe Sandsteinklippen, mit Spitzen und Türmen ähnlich denen des Bryce Canyon in den USA. Stundenlang ist kein Landeplatz in Sicht. Eisbergen ausweichend, paddeln wir nahe der Küste entlang. Dann überqueren wir die Mündung des Bowdoin Fjords. An seinem oberen Ende hatte Robert Peary 1893 seine „Anniversary Lodge" errichtet, die er als Stützpunkt für viele seiner arktischen Entdeckungsfahrten benutzte. Noch ahnten wir nicht, daß uns später Geschichte in seltsamer Weise berühren würde, wenn kurz vor unserer Abreise Robert Peary Junior, der Zollbeamte Qaanaaqs, unsere Pässe stempelt.

Stundenlang paddeln wir weiter, bis Steve uns in eine kleine, mit Eis vollgestopfte Bucht führt. Hier landen wir die Boote und suchen Schutz vor dem Wind hinter Blöcken von Eis, um ein schnelles Mittagessen einzunehmen. Es schneit und ich möchte am liebsten mein Zelt aufschlagen und in meinen Schlafsack kriechen, aber Steve schlägt vor, daß wir weiterpaddeln, um Qaanaaq noch am gleichen Tag zu erreichen. Bis jetzt haben wir 20 km zurückgelegt, und es sind noch weitere 15 km bis Qaanaaq. Das Einzige, das mich zum Weiterpaddeln anregt, ist Singen.

Wir schaffen es am gleichen Tag bis Qaanaaq, indem wir gegen die eintretende Ebbe um die Wette laufen und zwischen den Brechern in den Hafen schlüpfen. Wieder einmal erweist sich die Entscheidung von Steve, die ganze Strecke nachhause an einem Tag zurückzulegen, als glückliche Eingebung, denn am nächsten Tag gibt es wieder Sturm; nur wenige Stunden vor dem erwarteten Eintreffen unserer Twin Otter aus Kanada. Diesesmal ist es der schlimmste Schneesturm, den ich je erlebt habe. Bei einer Windstärke von 50 Knoten verschwindet Qaanaaq in einer wirbelnden Masse von treibendem Schnee. Die Schlittenhunde liegen zusammengerollt unterm Schnee, und als sich ein paar von uns aus dem Hotel trauen, bläst uns der Wind die eisglatten Straßen hinab. Hans, unser Gastgeber, meint, der Sturm könne Tage dauern, und wir machen uns Sorgen um unsere Flugverbindungen von Resolute – sollten wir dort jemals rechtzeitig ankommen.

Wir schaffen doch noch die rechtzeitige Heimfahrt. Am Morgen glitzert Qaanaaq weiß unter einem blauen Himmel. Um die Mittagszeit taucht unsere Twin Otter auf und wir verabschieden uns von unseren Gastgebern und all den Leuten, die gekommen sind um uns abfliegen zu sehen. Obwohl mich der Gedanke auf einen nochmaligen Flug über diesen entlegenen Teil der Erde, und die Heimkehr in ein Land mit Bäumen, fließendem Wasser, und T-Shirt Klima begeistert, bin ich ein bißchen traurig, daß ich die Weite und Zeitlosigkeit Avanersuaqs hinter mir lasse. Doch die großen Eisschollen auf dem Meer, die ich während unseres Fluges über die Baffin Bucht ausmache, mahnen mich daran, daß der Inglefield Fjord schon bald wieder ein weißes und wellenloses Meer sein wird.

Photos ©: David Dixson, Michael Haeger, Jake Herrero, Hans Jensen. Text: Karin Herrero. Alle Rechte vorbehalten. 05/07/00  Kanada

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